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Veronik Kisling - Vita

Dialog mit Farbe und Pinsel

Veronika Kisling sucht und schätzt Begegnungen mit geistig und psychisch behinderten Menschen – auch als Künstlerin.

„Sich berühren lassen von Begegnungen mit behinderten Menschen – das hat bei mir schon als Kind angefangen“, erzählt Veronika Kisling. Sie erinnert sich an ihre Primarschulzeit, als sie sich neben den farbenblinden Peter setzen durfte, um ihm beim Malen zu helfen. Sie hat sich gefreut darüber. Sie war schon damals begabt: für das Zeichnen und Malen und für die Begegnung mit behinderten Menschen. Zwischen dem Kind von damals und der heutigen Künstlerin liegt ein langer Weg. Veronika Kisling überlegt, wie sie ihn kurz in Worte fassen könnte. Sie kommt nochmals auf die Schule zu sprechen – die Schule, die ihr nie so richtig entsprochen hat, die sie mit sechzehn Jahren verlassen hat, um sich auf die Suche zu begeben. In der Schule hat sie keine Antworten auf ihre Fragen gefunden. Anstatt ein Pony, wie vorgesehen, kaufte sie sich von ihren Ersparnissen eine Fahrkarte nach Israel und lebte einige Monate lang in der Wüste. Das war nur der Anfang, die Suche hatte erst begonnen. Veronika Kisling reiste in den folgenden Jahren in weit fernere Länder, um mehr zu erfahren und viel zu erleben. Nach Israel und Palästina zog es sie in die Länder Südamerikas. „Mit einem noch kindlichen Gottvertrauen bin ich losgezogen, sowohl mit dem Bedürfnis nach spirituellen Erfahrungen als auch mit grosser jugendlicher Abenteuerlust“, sagt Veronika Kisling rückblickend. Wohl gab es noch einmal einen Versuch, das Gymnasium abzuschliessen, aber die Weltenbummlerin hatte sich schon zu weit von den vergleichsweise engen Grenzen eines Schulbetriebs entfernt.
Die neue, grosse Lebenserfahrung nahm allerdings in der Schweiz ihren Anfang. Mit achtzehn Jahre wurde Veronika Kisling schwanger und am 1. August 1979 kam ihr Sohn Oliver zur Welt. Zuvor fand die werdende Mutter eine Anstellung als Hilfspflegerin in der Psychiatrischen Klinik in Basel. Hier erlebte sie wiederum diese spezielle Nähe zu behinderten Menschen. Wo andere irritiert, verständnislos oder abwehrend reagierten, fand sie einen natürlichen Zugang. Ihre sensible Wahrnehmung veranlassten sie auch, sich immer wieder bedingungslos einzusetzen, wenn jemandem ein Unrecht geschah, sei es in der PUK, im fernen Asien oder in den Strassen Basels.

Das Zeichnen und Malen – ihr Element

Als Oliver neun Monate alt war, packte Veronika Kisling wieder ihren Rucksack. Mit einer guten Freundin und dem kleinen Jungen fuhr sie nach Indonesien, bereiste Südostasien und später Australien. Für ihr einfaches Leben brauchte sie kaum Geld. Mit Gelegenheitsjobs konnte sie ihre kleine Familie versorgen, so dass ihr viel Zeit blieb, ihren Fragen nachzugehen und sich mit Religion, Philosophie, Geschichte und mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen. Das Zeichnen und Malen – ihr Element – hat sie dabei stets begleitet.
1985 kehrte Veronika Kisling in die Schweiz zurück. Oliver kam in den Kindergarten. Als sie sah, wie schnell das Kind hier Wurzeln schlug, entschied sie sich zu bleiben. Sie nahm ihre Arbeit in der PUK wieder auf und absolvierte berufsbegleitend eine kunsttherapeutische Ausbildung. Sie baute ihr eigenes Malatelier auf und arbeitete mit drogenabhängigen Menschen, teilweise im Rahmen von Malaktionen direkt „auf der Gasse“. „Die Verbindung von Kunst und Sozialem – danach habe ich immer gesucht“, sagt die Künstlerin heute. Eine weitere Verbindung hat sich über die Jahre verdichtet: die Kunst von behinderten, insbesondere geistig und psychisch behinderten Menschen, mit der eigenen künstlerischen Arbeit. Veronika Kisling liess sich nicht nur von der Begegnung mit behinderten Menschen berühren, sondern auch von ihrem künstlerischen Ausdruck. Diese Erlebnisse liessen sie eine neue Reise antreten, eine Reise , die allerdings nicht durch geografische Länder führte.

Jahrelang kaum geschlafen

Der Weg führte sie zunächst an das anthroposophische Lehrerseminar Dornach. Die Ausbildung zur Pädagogin war zugleich eine Zeit intensiver Auseinandersetzung mit neuen Denkansätzen und mit der eigenen künstlerischen Entwicklung. „Da begann sich meine zukünftige Arbeit herauszukristallisieren“, fasst Veronika Kisling die Zeit zusammen. Ihr Alltag veränderte sich aber alsbald einschneidend. 1996 kam ihre Tochter Helena auf die Welt und im Laufe des ersten Lebensjahres stellte sich heraus, dass sie an tuberöser Sklerose, einer neuro-cutanen Krankeit litt, die zu einer schweren geistigen Behinderung führen kann. „Aber“, so Veronika Kisling, „das ist nur das äussere Erscheinungsbild. Hinter jeder Behinderung, egal wie schwer sie ist, versteckt sich ein lebendiges, empfindendes Wesen. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man dieses Wesen auch aufspüren“. So hat sie es mit Helena erlebt. Lange Zeit hatte das Kind unter vielen Ängsten gelitten, was sich in einer grossen Unruhe und heftigen Anfällen äusserte, bis sich ein Lehrer finden liess, der ihm anders begegnen konnte. Die Ängste liessen nach und neue Möglichkeiten eröffneten sich: das Kind konnte sich neue Verhaltensweisen aneignen und die Mutter fand einen neuen Zugang zu ihm, „durch die Angst hindurch“, beschreibt Veronika Kisling diesen Prozess. „In der Zeit davor war ich chronisch überfordert, habe jahrelang kaum geschlafen und stand am Rand der Erschöpfung“, erinnert sie sich. Sie musste nach einer Kraftquelle suchen und was lag ihr näher, als eine anregende, inspirierende geistige Auseinandersetzung. Sie begründete „Seneparla – kulturelle Anlässe mit Gesprächen“, eine Veranstaltungsreihe, die verschiedene Kunstsparten in Bezug zu Themen aus den Bereichen Wissenschaft, Philosophie, Religion und Politik setzte. Das weite Spektrum lotete Veronika Kisling mit ihrer Phantasie und ihrem Ideenreichtum über Jahre mit einer Fülle von Veranstaltungen aus. Im Zentrum stand immer wieder das Interesse an der Begegnung. Den Dialog aufnehmen, verbinden – immer wichtiger wurde ihr dieser Denk- und Handlungsansatz.

Künstlerische Zwiegespräche

Seit 2004 verfolgt sie diesen Weg als frei schaffende Künstlerin weiter. Sie führte künstlerische Zwiegespräche mit ihrer Tochter und beteiligte sich an der Ausstellung „Farbe bekennen – art en marge“, die in der Bollwerkpost Bern und im Klingental Basel zu sehen war. Im Rahmen einer mehrmonatigen Projektarbeit im kulturpunkt Münchenstein lernte sie auch die autistische Künstlerin Véronique Bovet kennen. Wieder eine dieser Begegnungen, die sie tief berührten. Veronika trat mit Veronique in einen künstlerischen Dialog. Sie begegnet ihr über ihre Werke und sie schafft eine Verbindung durch den eigenen künstlerischen Beitrag, der auf die Bilder Bovets Bezug nimmt und antwortet. Veronika Kisling: „Der Dialog besteht aus den Elementen zuhören, sprechen verstehen. Man öffnet sich für das, was vom Gegenüber kommt, nimmt auf und fügt eigenes hinzu. Bei einem Dialog mit Bildern, muss man in die Bilder hineinhorchen. Das „Gehorchte“ verbindet sich mit dem, was in einem selber lebt. Es kommt zu einem Verstehen. Einem teilweisen Verstehen, denn der Dialog, wenn man ihn ernst nimmt, ist nie abgeschlossen. Zu einem wirklichen Dialog gehört Begegnungswille. Einem anderen Menschen begegnen heisst auch sich selbst begegnen. Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung sind in unserer Gesellschaft stark stigmatisiert.
Ich kann ihnen nur in dem Masse begegnen, indem ich mich selber frei mache von dieser Stigmatisierung. Gelingt mir dies, entpuppen sich diese Begegnungen als wahre Schatzkiste!“

 

Von Barbara Imobersteg, Januar 2007


Der Wohn- und Lebensort von Veronika Kisling: Ökodorf Sennrüti

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